Wiesenfeld, Gemeinde Burgwald im Landkreis Waldeck-Frankenberg
Vier Beete liegen an der Kirchenmauer, eingefasst von Buchsbaum, mit einem Rosenstock in der Mitte. Rund hundert Kräuter wachsen darin, und gepflegt werden sie von einem Team aus dem Ort.
Den Platz gibt es länger als den Garten. Hier lag der Kirchhof der Johanniterkirche – an dieser Stelle wurden die Toten des Dorfes bestattet, bis der Friedhof aufgegeben wurde. Der Flurname erinnert an die Klosterzeit: „Wärzegoarde", Würzgarten. 1988 hat das Dorf ihn beim Wort genommen und den Garten wieder angelegt.
Seit 2026 kann man ihn auch in der Hosentasche mitnehmen.
Wer dahintersteckt
Der Garten liegt an der Johanniterkirche, mitten im Ort, und wer ihn pflegt, wohnt meistens ein paar Häuser weiter. Das Gartenteam ist bunt zusammengesetzt: zwischen zwanzig und achtzig Jahren ist alles dabei.
Getragen wird der Garten vom Heimatverein Wiesenfeld, der auch dafür aufkommt, wenn etwas angeschafft werden muss. Wer wann gießt und was im nächsten Jahr gepflanzt wird, entscheidet der Gartenkreis.
Von Mai bis Oktober übernimmt jede Woche ein Zweierteam. Gegossen wird bei Hitze früh oder spät, gejätet, wenn Zeit ist, und nachgepflanzt, wenn eine Pflanze den Winter nicht überstanden hat. Das läuft alles ehrenamtlich und nebenher, seit Jahren – und trotzdem sieht der Garten in jeder Saison ein bisschen besser aus als in der davor.
Was wo steht, hält der Lageplan fest. Er ist die Verabredung darüber, wie dieser Garten aussehen soll, und in der App findet man ihn genau so wieder, wie er draußen heute dasteht.
Links die Johanniterkirche mit dem Garten davor, rechts derselbe Garten als Lageplan in der App – vier Beete um einen Rosenstock.
Wie der Garten aufgebaut ist
Geordnet sind die Beete nach dem, wofür die Pflanzen gebraucht werden – was in die Küche kommt, was in den Tee, was auf den Altar. In der Mitte steht ein Rosenstock, im Norden die Kirche.
Was in der Küche gebraucht wird. Die Kräuter, die man täglich anfasst.
Alles, woraus sich ein Tee aufgießen lässt.
Die alten Arzneipflanzen des Bauerngartens. Hier steht auch der Fingerhut – eine der giftigsten Pflanzen im ganzen Garten.
Was geschnitten wird, um die Kirche zu schmücken. Sieht harmlos aus, ist es aber nicht: Maiglöckchen und Rittersporn sind hochgiftig.
Rund 100 Pflanzen
Von der Ringelblume bis zum Guten Heinrich. Jede mit Bild, Steckbrief und Pflegehinweisen. Und mit einer ehrlichen Warnung, wo eine nötig ist.










…und rund neunzig weitere, jede mit ihrem eigenen Steckbrief, einem Pflegekalender und Hinweisen dazu, wofür sie sich verwenden lässt.
Die Pflanzenbilder sind von einer KI erzeugt. Sie sind botanisch angelegt und gegen Fachliteratur geprüft, aber es sind keine Fotos. Wer eine Pflanze im Beet bestimmen will, liest den Steckbrief – nicht nur das Bild. Die Aufnahmen von Garten, Dorf und Kirche sind echte Fotos aus Wiesenfeld.
Bis ins 20. Jahrhundert spannte man ihre getrockneten Köpfe in Walzen ein, um Tuch aufzurauen – kein Metallwerkzeug brachte das lange so gut zustande. Ihre Blätter bilden am Stängel kleine Schalen, in denen sich Regenwasser sammelt. Daher der Name: dipsa, griechisch für Durst.
Als „ewiger Spinat“ stand er früher in fast jedem Bauerngarten, und die jungen Triebe schälte man und garte sie wie Spargel – Armenspargel hieß das dann. Das „gut“ im Namen unterscheidet ihn vom „Bösen Heinrich“, dem giftigen Aronstab. Heute findet man ihn kaum noch.
Bis ins 19. Jahrhundert war es das übliche Waschmittel für Wolle und Seide, und in Museen greift man bis heute darauf zurück, wenn ein historischer Stoff zu empfindlich für alles andere ist. Sein Duft kommt erst gegen Abend, wenn die Nachtfalter unterwegs sind. Essen darf man es nicht.
Alte Marienblume, früher fester Bestandteil von Brautsträußen. Und eine der gefährlichsten Pflanzen im Garten. Sogar das Vasenwasser nimmt das Gift auf – ein Kind ist daran gestorben, weil es davon getrunken hat.
Gefährlicher ist im Frühjahr aber die Verwechslung: Die jungen Blätter sehen denen des Bärlauchs zum Verwechseln ähnlich, und wer beides nebeneinander im Beet hat, greift schnell zum falschen. Verlassen kann man sich nur auf die Nase – Bärlauch riecht zerrieben nach Knoblauch, Maiglöckchen nicht.
75 Rezepte aus dem Beet
Suppen und Salate, Dips, Herzhaftes und Süßes, dazu Tee und alles, was sich einwecken lässt. Vierzehn davon sind alte Rezepte von früher, sechs stammen aus der Hugenottenküche der Gegend.
„Jedem Bauern sonntags ein Huhn im Topf“ – der Satz wird Heinrich IV. zugeschrieben. Derselbe König gab den Hugenotten 1598 die Glaubensfreiheit. Das Rezept ist sparsame Küche in Reinform: erst die kräftige Brühe, dann das Fleisch. Zwei Mahlzeiten aus einem Feuer.
Zum Rezept in der AppAltbackenes Brot, Brühe, Zwiebel, ein paar Blätter Liebstöckel. Kein Krümel wurde weggeworfen. Den kräftigen Geschmack, für den man sonst Fleisch gebraucht hätte, gab der Liebstöckel. Deshalb heißt er vielerorts auch Maggikraut.
Zum Rezept in der AppGrüner Salat mit pfeffriger Kapuzinerkresse und Vinaigrette. Salat roh mit Essig und Öl anzumachen war hier neu – man kochte sein Grünzeug bis dahin. Auch die Kapuzinerkresse war frisch eingewandert, um 1700 aus Übersee. Zwei Zugezogene auf einem Teller.
Zum Rezept in der AppGrüne Bohnen, lagenweise mit Salz und Bohnenkraut in den Steintopf gestampft. Abends saß die ganze Familie beim Schnippeln zusammen, und was im Sommer nicht auf den Tisch kam, stand im Januar noch im Keller. Vor der Tiefkühltruhe war das der Weg, den Sommer in den Winter zu retten.
Zum Rezept in der AppDie Gartentafel
Das Kreativkoch-Team hat aus dem Spätsommergarten ein Menü gebaut. Es führt in drei Stationen durch den Garten: vom Blütenrand über das Herbstbeet bis zum Obstbaum.
Jeder Gang hat einen leisen französischen Akzent. Das ist ein Gruß an die Hugenotten, die ihre Gartenküche nach Wiesenfeld mitgebracht haben.
Es gibt keine zwei Karten, eine für Vegane und eine für Fleischesser. Es gibt ein Menü mit austauschbarer Mitte. Drei der vier Gänge sind ohnehin vegan und für alle gleich. Nur beim Hauptgang wechselt ein Stück: karamellisierter Spitzkohl oder geschmorte Hähnchenkeule. Dazu für alle derselbe Kartoffel-Liebstöckel-Stampf, dieselben Bohnen, derselbe Estragon-Senf-Jus.
Der Nachtisch ist bewusst in beiden Varianten vegan – damit das Menü für alle gleich endet.
In der App stellt man die Personenzahl ein, dann rechnen sich die Mengen von selbst um. Und jeder Baustein hat sein eigenes Rezept: Fruchtsalbei-Sirup, Blüteneiswürfel, Lavendelzucker.

Woher der Garten kommt
Wer hier gärtnert, hat im Lauf der Jahrhunderte oft gewechselt: erst die Ordensbrüder der Johanniter, dann die eingewanderten Hugenottenfamilien, heute der Frauenkreis und das Gartenteam. Geblieben ist der Fleck an der Kirchenmauer. Und ein Name, der sich hartnäckiger gehalten hat als alles, was je darauf gewachsen ist.
Werner I. von Battenberg kommt vom Kreuzzug zurück und schenkt dem Johanniterorden Land in Wiesenfeld. 1238 steht die Niederlassung zum ersten Mal in einer Urkunde. Eine Handvoll Ordensbrüder lebt hier – bis zur Reformation.
Die hessischen Klöster werden aufgelöst. Aus dem Ordenshaus wird ein Wirtschaftshof. Vom Garten bleibt nur der Flurname: „Wärzegoarde", Würzgarten. Dieser Name hält sich fünf Jahrhunderte lang – auch ohne Garten.
Hugenotten und Waldenser bekommen das Gut in Erbpacht. Sie gründen Wiesenfeld dort, wo es heute liegt. Manche ziehen in die alten Klostergebäude ein. Mitgebracht haben sie ihr Handwerk, neue Nutzpflanzen und ihre Küche. Aus dieser Küche stammen die alten Rezepte.
Zur 750-Jahr-Feier legt das Dorf den Garten wieder an. Genau dort, wo der alte Flurname ihn die ganze Zeit vermutet hatte. Die Anregung kam von Irmgard Bott und dem Arbeitskreis Dörfliche Kultur. Ihre Idee: aus stillgelegten Kirchhöfen wieder „Gärten des Lebens" machen – mit Pflanzen, die heilen, etwas bedeuten und dem Dorf guttun.
Die Frauen der Kirchengemeinde nehmen den Garten in ihre Obhut. Rund achtzig Heil- und Küchenkräuter, eingefasst von Buchsbaum. Von da an wird gepflegt – jede Woche, die ganze Saison, Jahr für Jahr.
Zweimal wird Wiesenfeld Hessensieger bei „Unser Dorf soll schöner werden". 1993 dann Bundessieger, mit der Goldmedaille. Der Garten gehört zu dem, wofür es den Titel gibt. 2008 kommt der Umweltpreis der Landeskirche dazu – ausdrücklich für die Pflege des Kräutergartens.
Immer am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt, rund um den Garten. Über 50 Stände, zu jeder vollen Stunde ein Konzert in der Kirche, eine Führung durch den Kräutergarten, ein Rundgang auf den Spuren der Hugenotten. 2025 war der zwölfte. Der nächste ist 2028.
Rund 100 Pflanzen mit Steckbrief. Der Lageplan zum Antippen, die Rezepte, der Pflegeplan fürs Team. Die Aufgabe ist dieselbe wie immer: aufschreiben, was hier wächst, damit es nicht verloren geht. Nur das Werkzeug ist neu.
Die Johanniterkirche stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist das älteste Gebäude im Ort. Sie steht direkt hinter dem Garten. Aus der Klosterzeit ist allerdings kein Bepflanzungsplan erhalten – was heute wächst, ist deshalb keine Rekonstruktion, sondern eine Neuanlage an einem alten Platz. Alle drei Jahre wird hier der Wiesenfelder Kräutermarkt gefeiert, und Wiesenfeld liegt außerdem am Hugenotten- und Waldenserpfad.
Zum Mitnehmen
Es gibt nichts herunterzuladen und nichts anzumelden. Ihr öffnet einen Link, fertig. Wer mag, legt sich davon ein Zeichen auf den Startbildschirm. Dann fühlt es sich an wie jede andere App.




Der Link:
Einmal öffnen genügt. Beim ersten Mal legt die App alles auf dem Gerät ab. Danach läuft sie auch im Garten, wo kaum Empfang ist. Sie kostet nichts, setzt keine Cookies und will keine Anmeldung. Nur der Teil fürs Team liegt hinter einer PIN: Dienstplan, Termine, Pinnwand.
Den Link in Safari öffnen. In einem anderen Browser geht es auf dem iPhone nicht. Unten auf das Teilen-Zeichen tippen, das Quadrat mit dem Pfeil nach oben. In der Liste nach unten wischen bis „Zum Home-Bildschirm". Antippen, dann oben rechts auf „Hinzufügen".
Den Link in Chrome öffnen. Oben rechts auf die drei Punkte tippen und „App installieren" wählen. Auf manchen Geräten heißt es „Zum Startbildschirm zufügen". Bestätigen, fertig.
Am Rechner reicht ein Lesezeichen. Die App passt sich der Bildschirmgröße an und liest sich auch groß gut.
Danach liegt ein Zeichen auf dem Startbildschirm wie jede andere App. Es öffnet sich ohne Adresszeile, im ganzen Bild. Wieder loswerden wird man es wie jede App auch: gedrückt halten und entfernen.
Wiesenfeld ist der Anfang, nicht das Ziel. Dieselbe Idee lässt sich für jeden Garten umsetzen, der gepflegt wird und eine Geschichte mitbringt.